Paddel-Akademie (Teil 1): Kanusport in der kalten Jahreszeit

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gelbes Kajak im Laub

Das Wetter ist bereits kälter geworden und bunte Blätter fallen von den Bäumen. Auch wenn die Paddelsaison für den Wanderfahrerwettbewerb jeweils mit Ablauf des Septembers endet, heißt dies nicht, dass unsere Boote bis zum Frühjahr in der Halle auf uns warten müssen. Paddeln im Herbst und Winter hat seinen ganz eigenen Reiz, aber auch eigene Gefahren. In diesem Beitrag zum Kaltwasserpaddeln möchte ich euch ein wenig für die Problematik sensibilisieren und Tipps an die Hand geben, damit der nächste Paddeltag auch im November eine Freude ohne Reue ist.

Gefahr: Kälteschock und Unterkühlung

Mit dem Ende des Sommers wird es kühler und damit einher auch das Wasser. Bei 20° Celsius Wassertemperatur ist ein Sprung in die Ochtum angenehm und erfrischend. Heute  – 01.11.2020 – hat die Ochtum gerade mal 11° C auf Höhe  Ochtumsand (Link zu „Gezeitenfisch“), bei diesen Temperaturen werden die Wenigsten voller Vorfreude zum Köpper vom Anleger ansetzen. Eine Kenterung kann nie ganz ausgeschlossen werden und damit auch der unfreiwillige Kopfsprung. Das Erste was mit unserem Körper dann passiert, ist ein kurze und schnelle Atmung, der sogenannte Kälteschock. Damit geht auch ein gesteigerter Blutdruck und Puls einher, unser Körper beginnt, gegen die akute Kälte zu kämpfen. Es besteht die Gefahr von Herz-Kreislauf-Problemen.

Die Effekte sind umso ausgeprägter, je größer die Temperaturdifferenz zwischen Wasser- und Körpertemperatur ist und je mehr Körperoberfläche benetzt wird. 80% der Todesfälle in diesem Zeitraum sind durch sofortiges Ertrinken bedingt.

Dieses Zitat aus DLRG Ausbildungsunterlagen, verdeutlicht auch, weshalb eine Schwimmweste im Winter absolute Pflicht ist und auch im Sommer – bei erwähnten hohen Temperaturunterschieden zwischen Luft und Wasser – stets angeraten ist. Im Falle einer Kenterung ohne weiteren Kälteschutz ist der Körper stark mit sich selbst beschäftigt und eine Selbstrettung ist enorm erschwert. Wenn wir uns in diesem Moment nicht um den eigenen Auftrieb kümmern müssen, ist viel gewonnen.

Gekentert und mit Schwimmweste an sind wir nun trotzdem dem Element Wasser ausgesetzt und es gilt möglichst schnell das Wasser zu verlassen. Wir kühlen im Wasser in etwa um den Faktor 25 schneller aus als an Land und das bezieht sich dann auf unbekleidete Personen(Beier 2006), bei den erwähnten aktuellen 11°C der Ochtum bleibt uns also nicht allzu viel Zeit. Dazu kommt, dass mit zunehmender Unterkühlung unsere Körperfunktionen herunterfahren und wir nur einen gewissen Zeitraum zur eigenen Rettung beitragen können. Eine Faustregel ist dabei:

Nutzzeit (in Minuten) = Wassertemperatur (in Grad Celsius)

Mit Nutzzeit ist der Zeitraum gemeint, in dem man aus eigener Kraft zu seiner Rettung beitragen kann. Also hätte wir heute in etwa elf Minuten um mit unserem Boot ans Ufer zu schwimmen und aus dem Wasser zu kommen. Das dürfte auf der Ochtum reichen, aber in der Mitte des Werdersees?

Dies sind die Ausgangsüberlegungen zur Unterkühlung, bei mehr Interesse dazu sei der Beitrag von Udo Beier zu diesem Thema empfohlen, er ist sehr aufschlussreich und geht noch deutlich weiter ins Detail.

 

Kälteschutz

Im Kanuwandersport ist es durchaus üblich auch an einem sonnigen Wintertag im Dezember eine Trekkinghose gepaart mit einer Fleecejacke zu tragen, dazu eine Mütze und ein Buff. Für das Maß der körperlichen Anstrengung und den Umgebungstemperaturen her ist dies vollkommen angemessen. Erinnern wir uns aber an das Phänomen des Kälteschocks. Die Intensität davon ist abhängig davon, wieviel Körperoberfläche benetzt wird. Mit der beschriebenen Kleidung wären wir im Falle einer Kenterung komplett nass. Die Kleidung isoliert im Wasser nicht, womit die Zeit für die eigene Rettung läuft. Wie weit ist das Ufer weg und welche Wassertemperatur haben wir? 5°C ~ 5 Minuten für die Selbstrettung. Dann heißt es, schnell trockene Sachen anziehen.

Trockenjacken

Eine getragene Trockenjacke, eine Paddeljacke die an den Handgelenken und am Hals abdichtet, kann – je nach Dichtigkeit – die benetzte Fläche halbieren. Der Kälteschock ist nicht so intensiv und zudem sind zusätzlich unsere lebenswichtigen Organe besser vor der weiteren Auskühlung geschützt. Wir haben mehr Zeit aktiv an unserer Rettung zu arbeiten. Die Frage, inwiefern wir weiteren Kälteschutz in Betracht ziehen, hängt jetzt vom Gewässer ab. Wenn wir weiterhin unsere Ochtum im Hinterkopf haben, dürften wir mit einer Trockenjacke und einen warmen Unterzieher durch den Winter kommen. Im Falle einer Kenterung haben wir dann an jeder Stelle genug Zeit uns ans Ufer zu retten und unsere Wechselkleidung anzuziehen. Fahren wir aber breitere Gewässer oder auf Flüssen, an denen wir nicht überall aussteigen können, sollte weiterer Kälteschutz angelegt werden.
 

Neoprenkleidung

Dies kann eine Hose oder ein Anzug aus Neopren sein. Neopren ist ein Synthesekautschuk der für die Sportkleidungen geschäumt werden und daher lauter Einschlüsse von Luftbläschen hat. Dieser dann geschlossenporige Schaum hat sehr gute Isolationseigenschaften und wärmt das eindringende Wasser zwischen Körper und Kleidung schnell auf, dadurch wird die Auskühlung des Körpers drastisch gemindert. Wichtig ist: mit Neoprenkleidung wird man trotzdem nass, kühlt jedoch deutlich langsamer aus. Ein Wechsel der Kleidung ist nach einer Kenterung nicht mehr nötig. Bei Pausen und Einfluss von Wind, kann es wiederum auch mit Neopren schnell kalt werden.
 

Trockenhosen und -anzüge

Die Trockenjacke kann durch eine Trockenhose ergänzt werden. Diese sehen teils wie eine Regenhose aus, nur dass sie entweder an den Knöcheln abdichten oder gleich angenähte Socken haben. Sie verhindern, bei gutem Sitz, dass Wasser direkt an die Haut und die isolierende Kleidungschicht gerät. Der Kälteschock kann zwar über das plötzliche Untertauchen des Kopfes noch eintreten, fällt aber deutlich geringer aus. Die Unterkühlung im Wasser ist durch die wärmende Luftschicht in der drunter getragenen Kleidung kaum noch vorhanden und ein anschließendes Wechseln der Kleidung nicht nötig. Die Steigerung davon ist der Trockenanzug, in diese wird mittels eines wasserdichten Reißverschlusses eingestiegen und nur noch Kopf und Hände sind direkt dem Wasser ausgesetzt, der Rest des Körpers bleibt trocken und geschützt.
 

Dress for water – not for air

Dieses englische Sprichwort weist daraufhin, dass wir uns nicht um die Wetterbedingungen an Land kümmern sollen, sondern um Temperatur und Anforderungen des Gewässers. Dazu möchte ich ein paar Beispiele besprechen.

Szenario 1 – Rundkurs im Januar

Die Wassertemperatur beträgt 3°C und bei angenehmen Sonnenlicht haben wir eine Lufttemperatur von 6°C. Ich hätte also in etwa drei Minuten zur aktiven Selbstrettung und kann dann meine Wechselkleidung anziehen. Jedoch wäre ich bei einer Kenterung dem Kälteschock stark ausgesetzt. Ich würde mich also für eine Sporthose (Leggings oder Trekkinghose) mit einem warmen Unterzieher und einer Trockenjacke entscheiden, dazu eine Mütze, Schaltuch und da ich an den Händen schnell friere, Paddelpfötchen und natürlich stets mit Schwimmweste.

Szenario 2 – Ostern an den Mecklenburger Seen

Die Wassertemperatur beträgt 8°C und an warmen Tagen haben wir schon eine Lufttemperatur von 18°C. Die Faustregel sagt 8 Minuten für die aktive Selbstrettung, meine Tourenplanung beinhaltet die Querung eines Sees über drei Kilometer. Das würde ich in der Zeit nicht schwimmend schaffen. Ich würde mich für eine Kombination aus Trockenjacke und Neoprenhose entscheiden, da ich somit auch nicht direkt darauf angewiesen bin, meine Kleidung zu wechseln und weiterfahren kann. Die Schwimmweste ist auch hier natürlich dabei. 

Szenario 3 – Baltrum im März

Die Sonne scheint schon kräftig und erste Tageshöchsttemperaturen kratzen schon an den 15°C, die Nordsee hat aktuell 7°C. Aufgrund der Ausgesetztheit habe ich keine Möglichkeit schnell an Land zu kommen, würde ich hier den Trockenanzug wählen, eine Kombination aus langem Neoprenanzug und Trockenjacke wäre auch in Ordnung, beides natürlich mit Schwimmweste. Somit kühle ich auch bei fortgesetzter Fahrt nicht aus und bleibe handlungsfähig.
 
Szenario 4 – SUP im Juli auf der Ochtum
Die Sonne scheint ohne Gnade und die 30°C sind das erste Mal im Jahr geknackt, die Ochtum hat solide Badetemperaturen von 23°C. Eine Kenterung ist jetzt eine Erfrischung und keine Bedrohung. In diesem Fall würde ich eine Badehose und obenrum was gegen die Sonne anziehen. Zusätzlich würde ich jedoch früh ins Wasser gehen, damit ich mich direkt runterkühle. Paddle ich erst eine halbe Stunde und heize mich auf, kann es bei einer ungewollten Kenterung trotz der hohen Temperaturen zum Kälteschock kommen, da der Unterschied zur Wassertemperatur trotzdem sehr hoch ist.

Einkaufstipps

Für alle, die jetzt ihre Ausrüstung aufstocken wollen, um auch im Herbst und Winter sicher unterwegs zu sein, gebe ich ein paar Tipps und Links zu Material mit. Für keine dieser Links bekommen wir oder ich Geld, es wird daher auch auf verschiedene Shops gelinkt, es sind Produkte, die ich persönlich empfehlen kann, da ich sie entweder selber besitze oder über andere kenne. Im Idealfall besucht ihr einen der Läden direkt und probiert die Sachen an.

Jacken

Palm Pop Jacket – Ganz einfache Jacke mit reinen Neobündchen an Hals und Handgelenken. Bei Kenterungen nur bedingt dicht.

Artistic Rafale – Einfache Trockenjacke mit Latexbündchen an Hals und Handgelenken. Aktuell supergünstig im Angebot, da macht man nichts verkehrt.

Sandiline SemiDry – Trockenjacke mit Neopren am Hals statt Latex, wird von manchen als angenehmer empfunden. Gibt es ebenso mit Latex am Hals

Palm Bora – Hochwertige atmungsaktive Tourenjacke mit Kapuze

Neoprenkleidung

Sandiline Longjohn Basic – Klassischer Neopreanzug

Sandiline Neoprenhose Splash 3/4 – Kurze Neohose mit hohen Bund

Trockenhosen

Palm Atom Damen – Robuste Trockenjacke mit Damenschnitt

Palm Atom Herren – Gleiche Hose, nur mit Reißverschluss vorne

Trockenanzüge

Palm Atom Herren – Trockenanzug für Wildwasser, gibt es natürlich auch für die Damen mit dem Reißverschluss an anderer Stelle

Palm Bora Damen – Seekajak- und Tourenanzug mit Kapuze

Sandiline Drysuit Extreme 4L – Robuster Trockenanzug fürs Wildwasser

Weiterführende Links

Zum Abschluss möchte ich noch ein paar Links für alle neugierigen bereitstellen, die sich weiter mit Unterkühlung und dem Schutz dagegen beschäftigen wollen:

Udo Beier: Großgewässer-Gefahr Nr. 1: Unterkühlung – Umfangreiche Behandlung der Thematik aus Sicht von Seekajakfahrern

DLRG: Ertrinkungsunfälle in kaltem Wasser – Oben bereits zitierte Publikation mit medizinischen und statistischen Infos zu Unfällen. 

Tim Sprinkle: Dressing for cold weather paddling – Weitere Tipps, auch was Hände und Füße angeht

National center for cold water safety – Spannende Seite, die auch Unfälle bespricht und einem die Wichtigkeit vor Augen führt

Luciano Rovner: Kayaking Tips – Cold Water and Winter Paddling (Wear, Gear and Risks) – Informatives Video mit Beispielen

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